16. September 2010
„…und du gehst durch Stadtmanagement spazieren…“
–Münster als Unternehmen und gemanagte Bühne

(Referent: Marcus Termeer)

Städte definieren sich im Postfordismus als Unternehmen im regionalen, nationalen und internationalen Wettbewerb um wohlhabende Privathaushalte, Dienstleistungsunternehmen, TouristInnen und InvestorInnen. Wesentlich erscheint hier die Schaffung eines Images, einer „Marke“. Münster firmiert hier seit 2004 unter dem Label der „lebenswertesten Stadt der Welt“. Gezeigt werden sollen aktuelle Formen der Fragmentierung und Homogenisierung des Raumes in der kapitalistischen Stadt am konkreten Beispiel Münsters.
In den Konstruktionen der „lebenswertesten Stadt der Welt“ entsteht ein städtisches „Wir“, das aber der dominanten Wahrnehmung prosperierender Mittelschichten entspricht und in dem marginalisierte Gruppen doppelt „verschwinden“: Einerseits kommen ihre Lebensbedingungen in diesem „Wir“ nicht vor, andererseits werden sie (stillschweigend) doch darunter subsumiert, was ihre Existenz als Gegenpart negiert. Real kommt es zu einer verschärften sozialräumlichen Aufspaltung in Zentrum und Peripherie, z.B. mit der neuen Gated Community „Klostergärten“ und den maroden Wohnhochhäusern in der Kinderhauser „Schleife“ als Gegenpolen; schon, weil sich Stadtplanung inzwischen tendenziell ausrichtet auf innerstädtische „Filetgrundstücke“ und kurzfristige Trends sowie an den Interessen privater Investoren.
Die „Renaissance der Innenstadt“ zugunsten Gutbetuchter äußert sich auch in der Transformation dieser Stadt zur gemanagten Bühne: in der „historischen Altstadt“, wo der Business Improvement District „Initiative starke Innenstadt“ die Zugangs- und Aufenthaltsbedingungen definiert oder auf den Gentrifizierungsarealen „Kreativkai“ und „Germania-Campus“ mit ihren Stadtstränden. EinwohnerInnen werden zu TouristInnen in der eigenen Stadt, zu Selbst-DarstellerInnen zugunsten der Verwertungskette. Kennzeichen postfordistischer Raumpolitik ist es, dass auch Avantgarde-, Sub- und Gegenkultur subsumiert und so zu Bestandteilen der Verwertungskette oder auch zu „Zugangs-Schwellen“ für unerwünschte Gruppen werden können.
Schon in der Nachkriegszeit spricht die Stadtverwaltung vom erfolgreichen Bestehen im Wettbewerb der Städte (wenn auch unter völlig anderen Bedingungen). Daher wird abschließend kurz das wesentliche Bild der Münsteraner Imageproduktion angesprochen: der nach 1945 neu gebaute Prinzipalmarkt als ökonomisch-kulturelles Gesamtkunstwerk der Kaufmannschaft und architektonische Deckerinnerung zur Derealisierung des Faschismus.

Marcus Termeer: Promotion an der Universität Münster (Soziologie, neuere Geschichte, Politikwissenschaft). Freier Autor (Schwerpunkte: Kultursoziologie, Stadt- und Raumsoziologie, gesellschaftliche Naturbeziehungen, Dialektik des Zivilisationsprozesses, Geschlechterforschung). Zuletzt erschien: Münster als Marke. Die „lebenswerteste Stadt der Welt“, die Ökonomie der Symbole und ihre Vorgeschichte. Münster: Westfälisches Dampfboot 2010