Gedenken an Mehmet Kubaşik

Am 4. April 2006 wurde der Dortmunder Mehmet Kubaşik in seinem Kiosk in der Nordstadt erschossen. Mehmet Kubaşik und seine Frau Elif kamen 1991 als politische Flüchtlinge aus der Türkei nach Deutschland, fanden hier Arbeit und eine neue Heimat, in der sie ihre drei Kinder aufzogen. Erst in ihrem 2011 aufgefundenen Bekennervideo bezichtigten sich die Neonazis des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) des Mordes an ihm. Seitdem findet jedes Jahr eine von DIDIF und anderen organisierte Gedenkdemonstration statt, die ihren Weg vom Tatort an der Mallinckrodtstraße 190 bis zum Denkmal für die NSU-Opfer an der Steinwache nimmt. Wir rufen dazu auf, sich an dieser Demonstration zu beteiligen.

In den letzten Jahren haben immer Antifa-Gruppen an dem Gedenken teilgenommen, wir wünschen uns aber eine stärkere Beteiligung. Viel zu lange sind die Angehörigen der Familie Kubaşik auch von Seiten der Antifa-Szene mit ihrer Trauer, ihren Sorgen und den Diffamierungen und Angriffen seitens der ermittelnden Polizei alleine gelassen worden. Während wir die Beteuerungen von Polizei und Staatsanwaltschaft, die Tat habe keinen politischen Hintergrund, nicht entschieden genug hinterfragt haben, gingen zwei Monate nach dem Mord 200 Menschen in Dortmund auf die Straße. Auf der vom Alevitischen Kulturverein organisierten Demonstration forderten sie genauso wie zuvor schon in Kassel „Kein 10. Opfer!“.

Wie bei allen anderen Taten der Ceska-Serie blendete die Polizei einen rassistischen Hintergrund der Tat aus und ermittelte trotz einiger Hinweise nicht zielgerichtet in Richtung Neonazi-Szene. Stattdessen geriet das Opfer ins Visier, das krimineller Handlungen verdächtigt wurde. Die schmerzlichen Folgen für die Familie hat die Tochter Gamze Kubaşik beschrieben: „Das waren Fragen, die mit der Person meines Vaters gar nichts tun hatten! (..,) Man wollte von uns hören, dass mein Vater mit Drogen gehandelt oder irgendwas mit der Mafia zu tun hatte. Man hat ihm auch unterstellt, er hätte irgendetwas mit anderen Frauen gehabt. Wie kommt man nur auf solche Fragen? Welches Bild von uns steckte dahinter? Wenn ich heute an die Verhöre denke, dann tut das immer noch weh. Diese Verletzung ist nicht geheilt und ich glaube nicht, dass ich das je vergessen kann.“ Und weiter: „Wir hatten ziemlich bald den Verdacht, dass es nur Rechtsradikale gewesen sein könnten, die hinter der Mordserie steckten. Aber die Polizei hat immer geantwortet: ‚Ausgeschlossen. Dafür gibt es keine Beweise‘.“

Nach 2011 haben große Teile der Stadtgesellschaft versucht ihre Versäumnisse wieder gut zu machen, indem sie den Kontakt zur Familie suchten oder ein Gedenkstein verlegt wurde. Die Auseinandersetzungen um die NSU-Taten sind aber noch nicht vorbei. Das nach Bekanntwerden des NSU von Merkel abgegebene Versprechen der „schonungslosen Aufklärung“ wurde bereits gebrochen. Noch immer fragt sich die Familie, warum ausgerechnet ihr Mann und Vater zum Opfer wurde. Die Rolle der Geheimdienste im NSU-Komplex ist noch immer nicht geklärt, sondern wird weiterhin verschleiert. Nur mit großer Anstrengung durch engagierte Journalist*innen und einzelne Mitglieder der Untersuchungsausschüsse kommen scheibchenweise neue Details ans Licht. Wirkliche Konsequenzen für „Verfasssungsschutz“ und Konsorten hat die Politik nicht gezogen, der Entwurf des neuen Verfassungsschutzgesetzes zeigt vielmehr, dass die Dienste ihre Befugnisse sogar noch ausbauen können. Dass in der Polizei eine selbstkritische Debatte über einen strukturellen Rassismus in der Institution entstehen könnte, war ebenfalls nur ein frommer Wunsch. Für die Behörden heißt es aktuell: Kurs halten und Weiter-wie-bisher.

Doch wir müssen weiter Druck machen, wenn sich etwas ändern soll. Wir werden die Opfer nicht vergessen und dürfen die Angehörigen nicht mehr alleine lassen, sondern sollten sie bei ihren Kämpfen solidarisch unterstützen. Es war ein gutes Zeichen, dass am Samstag fast 1500 Antifaschist_innen anlässlich des 10. Jahrestags des von einem Neonazi ermordeten Thomas Schulz in Dortmund auf die Straße gegangen sind. Das Gedenken an Mehmet Kubaşik verdient eine ebensolche Aufmerksamkeit.

Niemand wird vergessen!
Hiç unutmadık!
Schulter an Schulter gegen Faschismus!
Faşizme karşı omuz omuza!

4. April 2015 / 15:00 Uhr / Mallinckrodtstraße 190 / Dortmund
Zugempfehlung ab Münster: 13:34 Uhr / Gleis 17
Treffpunkt ab 13:15 Uhr auf dem Gleis

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Weitere Links und Lesetipps

- Taz-Artikel von 2006 über Demo in Dortmund
- Aufruf des Antifa Medienzentrums Dortmund zur Demo am 4. April 2015
- Aufruf der Autonomen Antifa 170 zur Demo am 4. April 2015
- Veranstaltungsreihe zur NSU-Aufklärung der Autonomen Antifa 170 in Dortmund
- Initiative NSU-Watch NRW
- ALM: Zum Umgang der Linken mit dem NSU-Terror und den Verwicklungen der Geheimdienste (2012)
- Barbara John (Hrsg): Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Opfer und Angehörigen bedeutet. (Bestellen)