Archiv für Oktober 2011

„.dass man niemals vergessen soll zu erzählen“

Mitschnitt eines Zeitzeuginnen-Gesprächs mit Celine van der Hoek (28.11.2009, Amsterdam)

Ich habe eine Auftrag. Dieser Auftrag ist, dass man niemals vergessen soll zu erzählen. Davon bin ich überzeugt. Der Faschismus und Rassismus ist immer noch nicht weg. Nicht in Europa, nicht in Holland, nicht in Deutschland. Jetzt fängt es schon wieder an. Ich sage immer, kämpft dagegen. Ich hoffe, dass das, was ich euch erzählt habe, ist echt nicht umsonst.

Celine van der Hoek(1920 – 2011)

28.11.09 Celine van der Hoek by antifalinkemuenster

„Für immer Antifaschistin“

Die Auschwitz-Überlebende Celine van der Hoek de Vries ist am 30.September 2011 im Alter von 91 Jahren in Amsterdam verstorben.

Celine war vielen Antifaschist_innen aus Münster gut bekannt. Sie besuchte mehrfach das Münsterland, um vor Jugendlichen und Erwachsenen zu sprechen, so wie wir nach Amsterdam zu Celine fuhren. Ihr Tod bewegt uns sehr.

Celine van der Hoek de Vries wurde 1920 geboren, sie wuchs in einem sozialistischen Elternhaus in Amsterdam auf. Als sie zwei Jahre alt war, starb ihr Vater. Nachdem sie die Mittelschule abgeschlossen hatte wurde sie Kindergärtnerin. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen am 10.Mai 1940 konnte sie als Jüdin jedoch nicht weiter in diesem Beruf arbeiten. Bis dahin hatte es für Celine kaum eine Rolle gespielt, dass ihre Großeltern zum Teil jüdischen Glaubens waren, doch plötzlich nahmen die Deutschen dies zum Anlass, sie erst zu entrechten und dann zu verfolgen.

Als ihre Mutter und ihr Bruder verhaftet wurden gelang es Celine unterzutauchen. Sie lebte einige Zeit im Untergrund bevor sie verhaftet und in die “Hollandse Schouwburg” gebracht wurde. Zwar konnte sie durch die Hilfe eines Bekannten fliehen und wieder untertauchen, wurde jedoch verraten und erneut in der “Hollandse Schouwburg” inhaftiert. Später wurde sie im Konzentrationslager Westerbork an der niederländisch-deutschen Grenze inhaftiert und von dort im September 1944 nach Auschwitz deportiert. Mit viel Glück überlebte sie als eine der Wenigen das Vernichtungslager, in dem zuvor ihre Angehörigen ermordet wurden. Im Dezember 1944 wurde sie in ein Lager der deutschen Rüstungsindustrie deportiert, wo sie schwerste Zwangsarbeit verrichten musste. Völlig entkräftet wurde sie dort 1945 befreit. „Eine Woche länger und ich hätte nicht überlebt“, sagte Celine immer. Die damals 25-jährige wog nur noch 24 Kilo.

Nach dem Krieg studiert Celine, trotz des Unverständnisses ihrer Bekannten, in Deutschland. Seit vielen Jahren berichtete sie in den Niederlanden und Deutschland von ihren Erlebnissen. Als ewige Antifaschistin machte Celine es sich zur Aufgabe, von ihren Erlebnissen während des Nationalsozialismus zu berichten und sich auch heute gegen Rassismus und Faschismus einzusetzen. So rief sie mittels eines kurzen Videos alle Antifaschist_innen dazu auf, sich an den Protesten gegen den Naziaufmarsch am 19 Februar 2011 zu beteiligen und forderte bei unserem letzten Treffen mit ihr im Herbst 2010: „Also wenn sie das hören ,wie die Menschen wieder solche Dinge sagen, dass sie das nicht akzeptieren, dass sie da was gegen tun; das ist die Pflicht von euch“.

In den letzten Jahren hatten wir immer wieder die Gelegenheit sie zu treffen, sei es dass sie uns am 8. Mai 2008 in Münster besuchte oder wir sie in den letzten beiden Jahren im Rahmen von Gedenkstättenfahrten in Amsterdam trafen. Ihre Geschichte hat uns immer wieder sehr bewegt.

Wir werden Celine vermissen und sie niemals vergessen.

Film über das Leben von Celine

Grusswort von Celine am 8. Mai 2008 in Münster

Searchlight im Oktober: Die rassistischen Pogrome in Rostock-Lichtenhagen

Wenn der deutsche Mob ein Streichholz nimmt…
Die rassistischen Pogrome in Rostock-Lichtenhagen 1992

Vom 22. bis zum 24. August 1992 griffen mehrere tausend Menschen mit Steinen und Brandsätzen die „Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber“ (ZAst) und ein Wohnheim von VertragsarbeiterInnen in Rostock-Lichtenhagen an. Den Pogromen waren rassistische Stimmungsmache in der Presse vorausgegangen, in denen gegen die vermeintlichen Flüchtlingsströme aus Osteuropa gehetzt wurde und nicht nur die Republikaner verkündeten, „das Boot ist voll“.

Währen die Brandstifter seelenruhig Wohnhäuser in Brand steckten, in denen sich Menschen befanden, wurden sie vom deutschen Mob bejubelt und die Polizei schaute untätig zu. Erst nach drei Tagen konnte die Staatsmacht das Treiben in Lichtenhagen beenden, indem sie die Bewohnerinnen der ZAst und des benachbarten VertragsarbeiterInnenwohnheim unter einem massivem Polizeiaufgebot evakuierten.

Das Entsetzen in der Öffentlichkeit über die Pogrome war groß, doch führte dies keineswegs zu einem massiverem Vorgehen gegen rassistische und extrem rechte Strukturen. Im Gegenteil, die de-facto-Abschaffung des Asylrechts folgte kurz nach den Pogromnächten und wurde als politische Folge der Ausschreitungen verkauft.

Keine Gedenktafel, kein Mahnmal erinnert heute an das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Bei der Veranstaltung werden wir auf die Ereignisse 1992 zurückblicken und uns mit den direkten Auswirkungen der Pogrome, aber auch mit der heutigen Situation vor Ort, auseinandersetzen.

Die ReferentInnen waren in der antifaschistischen Kampagne „Wake up – Stand up!“ gegen die NPD in Mecklenburg-Vorpommern aktiv und haben sich im Rahmen der Kampagne intensiv mit den Pogromen in Rostock Lichtenhagen beschäftigt.

13.10.2011 // 19:00 Uhr // Club Courage // Friedensstr. 42 (Hinterhof) //Münster f)