WM & Nationalismus: Kein Bock auf euer WIR!

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Nein, wir sind nicht der Papst. Und auch nicht Lena. Und wir werden auch kein Weltmeister.
Immer dann, wenn die Deutschen sich selber feiern, wird es eine ziemlich miese Party; eine Veranstaltung, auf die wir einfach keinen Bock haben. Spätestens dann, wenn sich zur Fussball-WM vom nervenden Chef über den stressenden
Nachbarn, Onkel, Tante, Schwester und Arbeitskollegin bis zum Zahnarzt nahezu 80 Millionen Deutsche unter ihrer geliebten Fahne zusammen finden und „Steh auf, wenn du ein Deutscher bist“ grölen, bleiben wir lieber sitzen oder suchen das Weite. Wir haben keine Lust auf diese Party, unser Spaß sieht anders aus.
Dementsprechend bleibt uns nicht viel mehr, als sehnsüchtig auf den Moment zu warten, in dem der Referrie endlich das Spiel abpfeift, in dem das deutsche Team aus dem Spektakel ausscheidet, die nationalen Gemüter langsam wieder etwas runterkochen und die unzähligen schwarz-rot-gelben Lappen von den Autodächern verschwinden.
Nein, wir lieben dieses Land nicht. Warum auch?


Deutschland ganz relaxed

Wir hören die Deutschland-Begeisterten jetzt schon aufstöhnen: „Boah, seid ihr verkrampft. Das ist hier doch eine nur eine große Party…““ Eine Party für wen? Wer darf dazu gehören und wer wird ausgegrenzt? Das ist eine entscheidende Frage. Nach der WM 2006, dem angeblichen „Sommermärchen“, wurde viel über „Partyotismus“ geredet, über die neue „Gelöstheit“ der Deutschen und ihren „selbstverständlichen“ Umgang mit den nationalen Symboliken. Auch wenn rassistisch motivierte Angriffe in Zeiten des nationalen Fußballwahns die Ausnahme darstellen, heißt dass nicht, dass Nationalismus hier keine Rolle spielt. Ganz im Gegenteil. Rassistische Beleidigungen gegen Spieler der anderen Teams sind bei den Public-Viewings keine Seltenheit, auf das vielerorts skandierte „Sieg!“-Gerufe folgt nicht selten ein „Heil!“, das Absingen aller Strophen der Nationalhymne wird als Tabubruch von den Massen oft amüsiert zur Kenntnis genommen, aber bestimmt nicht unterbunden. Wer als vermeintlich „Deutscher“ nicht mitmacht, wird schnell als „Verräterin“ und „Miesmacher“ angemacht. Wer es wagt, mit einem „fremden“ Trikot manch einer Fanfeier zu nahe zu kommen, riskiert dumme Anmachen und manchmal sogar Schläge. Im Anschluss an das verlorene WM-Spiel gegen Italien wurden mancherorts sogar italienische Restaurants angegriffen.

Ein aktuelles Beispiel dafür, wie schnell sich die „Partygesellschaft Deutschland“ in eine Wehrgemeinschaft mit Bunkermentalität verwandeln kann, ist die Diskussion um das Foul von Kevin-Prince Boateng an Michael Ballack im englischen Pokalfinale. Aus einem Gelbfoul wurde eine „Körperverletzung“ (so Ballacks Manager) und im Internet rottete sich ein Mob in Facebook-Gruppen wie „82 Millionen gegen Boateng“ zur verbalen Hetzjagd zusammen: Boateng wird als Affe dargestellt, als „dreckiger Neger“ beschimpft und gefordert, der gebürtige Berliner solle seine deutsche Staatsbürgerschaft abgeben. Wer „unseren“ Michael foult und dazu noch Schwarz ist, darf kein Deutscher sein, so die verbreitete Meinung.

An Schlaaande des Wahnsinns

Doch auch fernab dieser rassistischen Entgleisungen ist der positive Bezug auf die Nation höchst problematisch und steht niemals für eine gesellschaftlich fortschrittliche Position. Die Nation als eine „fiktive Gemeinschaft“ kann sich selbst nur in Abgrenzung zu „Anderen“ definieren. Was deutsch sein soll, was einen „Deutschen“ ausmacht, kann nicht aus sich heraus erklärt werden. Es braucht ein Gegenbild; erst im Vergleich zu den „Anderen“ kann das „Eigene“ konstruiert werden. Im gleichen Moment, indem festgelegt wird, wer z.B. „Deutscher“ oder „Türkin“ ist, wird bestimmt, wer nicht dazugehört, wem kein Platz eingeräumt und wer ausgeschlossen wird. Sind die Grenzen erst einmal gezogen und die „Nationen“ und „Völker“ konstruiert, dann ist es nicht mehr weit, bis den Menschen bestimmte nationale, quasi-natürliche Charaktereigenschaften zugesprochen werden: „Die sind eben so…“

Lange Zeit wurde dazu auf eine rassistische Definition zurückgegriffen, die mittels Kategorien wie „Blut und Boden“ oder „Hautfarbe“ argumentierte. Selbst wenn mittlerweile im deutschen WM-Team zig Spieler sind, deren Eltern eine Migrationsgeschichte haben, ist dieser Rassismus nicht Vergangenheit. Nicht nur die NPD forderte 2006, „Weiß – mehr als eine Trikotfarbe. Für eine echte Nationalmannschaft“. Auch „normale“ Fans ereifern sich schnell, es gebe kaum noch „richtige“ Deutsche in der Mannschaft. Auch unter denjenigen, die so „tolerant“ sind, Miroslav Klose oder Mesut Özil als Teil des Teams zu akzeptieren, nimmt diese Toleranz ab, wenn die sportlichen Leistungen ausbleiben. Dann wird eine Leistungsideologie offensichtlich, die auch im Alltag gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund wirksam ist: Akzeptiert werden nur diejenigen, die eine „Leistung“ erbringen. Alle anderen sind höchstens geduldet.

Wenn also „ganz Deutschland“ feiert, sind einige Menschen maximal geduldet oder von vorne herein ausgegrenzt. Ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie stehen Flüchtlinge und Menschen ohne gesicherten Aufenthaltstatus. Während die Nationalmannschaft um den Pokal kickt, planen die Ausländerbehörden die Abschiebung von 14.000 ehemaligen Bürgerkriegsflüchtlingen und ihrer Familien in das Kosovo. Von den Abschiebungen sind vor allem Roma betroffen, denen im Kosovo nicht nur jede Lebensperspektive fehlt, sondern die dort auch von rassistischer Gewalt bedroht sind. Viele Betroffene leben seit über 15 Jahren in Deutschland, viele Kinder sind hier geboren und aufgewachsen. Dazugehören und hier bleiben dürfen sie aber trotzdem nicht, stattdessen sollen sie mit Gewalt außer Landes gebracht werden. So sieht das „weltoffene“, „gelöste“ und „selbstbewusste“ Deutschland aus.

Doch warum reihen sich Millionen Menschen freiwillig in das Heer der Nation ein, ordnen sich unter und gehen in der Masse auf? Der Nationalismus erfüllt seit jeher eine politische Funktion: auch denjenigen, die in der gesellschaftlichen Hierarchie unten stehen, die mit miesen Jobs, existenziellen Ängsten und anderen Sorgen zu kämpfen haben, das Gefühl zu vermitteln, dazu zu gehören; Teil von etwas Größerem zu sein, durch das vorgestellte Kollektiv der Nation Anerkennung und Sicherheit zu bekommen. In Zeiten der wirtschaftlichen Krise, in der Verteilungskämpfe um den gesellschaftlichen Wohlstand zunehmen, ist die Fiktion der nationalen Gemeinschaft eine bequeme Sache, die die Leute davon abhält, für ihre wirklichen Interessen zu kämpfen; Interessen, die eben keine nationalen sind. Es ist kein Zufall, dass die Bundesregierung gerade während der WM über massive Sparmaßnahmen und Kürzungen diskutiert, um den durch die Weltwirtschaftskrise überschuldeten Staatshaushalt zu sanieren. Von diesen Kürzungen sind aber nicht alle gleich betroffen, wie es die Propaganda von der nationalen Gemeinschaft vermittelt, sondern in erster Linie die Erwerbslosen, denen die ohnehin kargen Leistungen und Rentenansprüche zusammengestrichen werden.

Keine Party für Deutschland

Mehr als mit dem unterm Strich sehr autoritätshörigem deutschen Völkchen, das keine Gelegenheit auslässt, um nach noch mehr Arbeit zu schreien und noch härtere Sanktionen für sogenannte Sozialschmarotzer zu fordern, verbindet uns mit den Menschen, die hier, im Iran, Griechenland und anderswo gegen die alltäglichen Zumutungen kapitalistischer Ausbeutung, gegen Krieg, Rassismus, Umweltzerstörung – kurz für eine bessere Welt kämpfen.
Der Kampf für diese Welt kennt keinen Pass, keine nationale Identität, kein nationales Wir.

Es bleibt dabei:
Wir lieben weder dieses Land noch seine Leute. Und dies am wenigsten, wenn diese Leute ihr liebes Land feiern.

Antifa Linke Münster, Juni 2010


Zu unserem Aufkleber

Unser Aufkleber lehnt sich an ein berühmtes Plakat der 68er-Bewegung an. Der „Sozialistische Studentenbund Deutschland“ (SDS) plakatierte damals „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ mit den Köpfen von Marx, Engels und Lenin. Auch dieses Plakat war schon ein Rip-off: Als Vorlage diente eine Werbung der Deutschen Bahn. Wir haben die Portraits von drei antifaschistisch handelnden Künstlerinnen und Intellektuellen abgebildet.

Marlene Dietrich
war Schauspielerin und Sängerin. Geboren 1901 bei Berlin, drehte sie seit Ende der 1920er Jahre Filme in Hollywood. Ein Angebot von Goebbels Filme für die Nazis zu drehen, lehnte sie ab. Stattdessen unterstützte sie von Paris und den USA aus EmigrantInnen, die aus Deutschland flohen. Im Krieg trat sie als Sängerin vor US-amerikanischen GI`s auf. Die Parole „Nie wieder Deutschland“ lehnt sich an eine Interview-Aussage Dietrichs an: „Deutschland? Nie wieder!“


Charlie Chaplin

war einer der einflussreichsten Komiker des 20. Jahrhunderts und eine Ikone des frühen Films. Sein Stummfilm „Moderne Zeiten“, der sich kritisch mit den Arbeitsbedingungen in der Industrie beschäftigte, wurde von rechten Kräften in den USA als „kommunistisch“ gebrandmarkt. 1940 veröffentlichte Chaplin mit „Der große Diktator“ seinen ersten Tonfilm – ein Parodie auf den deutschen wie italienischen Faschismus. Der Film endet mit einer flammenden Rede für die Gleichheit der Menschen, Antifaschismus und gegen Unterdrückung.


Albert Einstein

war ein einflussreicher Physiker und gilt heute als Inbegriff des „wissenschaftlichen Genies“. Er wurde 1879 in einer jüdischen Familie in Ulm geboren und forschte viele Jahre in Deutschland. Nach der Machtübertragung an die Nazis kehrte Einstein, der sich zu der Zeit auf einer Forschungsreise in den USA befand, nicht mehr nach Deutschland zurück. Er beantragte die Ausbürgerung. Bei den Bücherverbrennungen warfen die Nazis auch seine Schriften ins Feuer. Nach dem Krieg engagierte sich Einstein, der sich selbst als Sozialist verstand, für die weltweite Abrüstung